Wo lebe ich bitte?

Wir befinden uns im Sonnensystem Sol, auf Terra, dem Dritten Planeten des Sonnensystems. Ein Planet, auf dem man bislang ganz gut leben konnte, sicher, Idioten und Arschlöcher gab und gibt es immer, aber bislang hielten die sich doch in aushaltbaren Grenzen. Grenzen zumindest, die es mir persönlich erlaubten, die meisten Idioten und Arschlöcher zu ignorieren, zumindest aber zu akzeptieren, dass es jene eben gibt und dass dies nunmal so ist. In diesem Jahr gab es jedoch einige Vorkommnisse, die es zumindest mir persönlich doch recht schwer machen, dies weiterhin zu tun.

Im April diesen Jahres töten islamistische Attentäter 148 Menschen, im Januar fand Charlie Hebdo statt. Nach Regierungsangaben wurden vor wenigen Tagen in Paris mindestens 132 Menschen getötet und mehr als 350 verletzt, davon 97 schwer. Am selben Tag ereignete sich im Libanon ein Akt islamistischen Terrors, bei dem 41 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Boko Haram in Kamerun und Nigeria. Man kann die Liste schier endlos fortsetzen. Es gibt auf Wikipedia eine Liste zu den terroristischen Anschlägen dieses Jahres…gut, es ist Wikipedia und mit Vorsicht zu genießen. Dennoch….wenn auch nur die Hälfte davon stimmt, muss einen das doch traurig stimmen.

Heute dann in Hannover. Gut, es ist nichts passiert, zum Glück. Es gab eine Warnung, oder mehrere, die bei den Sicherheitsbehörden einging und letztlich wurde dann das Fussballspiel Holland  – Deutschland sehr kurzfristig abgesagt, mit der Begründung, es haben sich Hinweise auf einen geplanten, islamistischen Bombenanschlag verdichtet. Das Spiel hätte ein Signal sein sollen. Ein Signal gegen den Terror, ein Signal für den Zusammenhalt, für die Stärke des Westens, für “unsere Lebensweise” und gegen den IS, dem wir nicht erlauben wollen, unser Leben zu bestimmen. Stattdessen bekommen wir auf einer extra einberufenen Pressekonferenz einen Bundesinnenminister Thomas de Maizière, einen Innenminister von Hannover Boris Pistorius und son Fussballheini, Rainer Rauball, eine Rede vom Bundesinnenminister, in der er recht wenig explizite Info herausrückt. Was da wohl vorlag, wo der Hinweis herkam, ob an den Berichten zu diversen unterschiedlichen Sprengkörpern etwas dran war oder nicht, ob noch eine Gefährdung vorläge oder nicht, zu eigentlich allen Fragen, die den handelsüblichen Hannoveraner gerade wohl interessieren dürften, mag uns der Bundesinnenminister nichts sagen. Er möchte, so sagt er, verhindern, dass Panik aufkommt. Er möchte, so sagt er, dass auch in Zukunft weitere Hinweise und Tips eingehen und wenn er nun zu viel über all dies sagte, könne es wohl sein, die Hinweisgeber würden künftig nicht mehr so gebefreudig sein.  Alles in Allem lavierte er gekonnt – oder auch weniger gekonnt, wie mans nimmt – um die eigentlichen Fragen und Sorgen herum, aber machte immerhin als Mikrofonschieber eine extrem gute Figur!

Ein Teil der Antworten auf die von den Journalisten gestellten Fragen, so der Bundesinnenminister, würde die Bevölkerung nur verunsichern und deshalb sage er lieber nichts. Wie bewirkt man am Besten und Sichersten, dass Menschen verunsichert werden? Richtig, indem man ihnen einen solchen Satz entgegenwirft. Die Pressekonferenz war bestenfalls verwirrend.

Wir leben in einer Welt, in der der islamistische Terror vor der Tür steht und zwar egal, wo genau diese Tür denn nun steht. Wir leben in einer Welt, in der die Nachricht von ~10 Toten und Dutzenden Verletzten bei einem Unfall bei der Testfahrt des TGV in Frankreich oder die Nachricht von dem elsässischen Jungen, der von einem 13-jährigen anderen Jungen in einem Bus erschossen wurde, Randmeldungen bleiben und kaum beachtet werden. Wir leben in einer Welt, in der die erste Frage zu Letzterem nicht ist, wieso und woher ein 13 Jahre alter Junge überhaupt eine Waffe hat. Wir leben in einer Welt, in der Menschen vor genau dem, was gerade auch hier in Europa passiert, fliehen, denn bei ihnen zu Hause, wo sie herkommen, passiert dies täglich und Sicherheit ist dort nur ein schöner Traum, der leider in der Realität keinen Bestand hat. Wir leben in einer Welt, in der viele von Angst und irrationalem Hass getriebene Intelligenzverweigerer genau jene, die vor diesem Terror flohen, mit jenen verwechseln, vor denen sie flohen. Wir leben in einer Welt, in der trotz all dessen ein Journalist auf der Pressekonferenz in Hannover heute allen Ernstes die surreal anmutende Frage stellt, ob Ziel des Ganzen denn die Deutsche Nationalmannschaft sein könne, immerhin wäre sie ja beide Male vor Ort gewesen, und bei dieser Frage keiner lacht, keiner empört schaut und der Gefragte sie sogar so ernst nimmt, in aller Ernsthaftigkeit darauf zu antworten. Wir leben in einer Welt, in der der frz. Präsident gerade einen Polizeistaat aufbaut, über den sich Madame Le Pen vom Front National freuen wird, denn die wird die kommenden Wahlen vermutlich gewinnen, so wie es aussieht. Alles im Namen der Sicherheit. Menschlich verständlich, aber faktisch imho der falsche Weg. Es gibt keine 100%ige Sicherheit, kann es nie geben. Und manche Maßnahmen sind den Einschnitt in die Freiheit nicht wert, den sie mit sich bringen.

Währenddessen wird in Syrien weiterhin bombardiert. Ob die militärische Intervention den IS aufhält? Zweifelhaft. Das hat bisher nicht geholfen, wieso sollten noch mehr Bomben helfen?

Alles in Allem leben wir in einer Welt…in der ich eigentlich nicht leben möchte. Dummerweise haben wir keine andere.

 

 

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