Vom Teeren und Federn

Das Teeren und Federn ist seit der Antike als Methode des Folterns und als Bestrafungsmethode bekannt. Hierbei wurde der Delinquent zunächst mit Holzteer bestrichen oder darin gewälzt und anschließend Federn beworfen. Der Delinquent wurde hinterher in der Regel, unverletzt und körperlich unversehrt, verstoßen und galt – symbolisiert durch das Teeren und Federn – als vogelfrei.

Die Freiheit des Wortes, das NetzDG und Social Media

Teeren und Federn verstößt gegen die Regeln von Twitter, sagt der Algorithmus.

Für Twitter, bzw. deren Automatismen, verstößt der im Bild zu sehende Tweet gegen die Regeln. Initial wurde Thomas Ney dafür gesperrt, angeregt zu haben, jemand gehöre geteert und gefedert. Diese initiale Sperre war bereits lachhaft und ungerechtfertigt; nach meinem Dafürhalten kann von einem Aufruf zur Gewalt an der Stelle überhaupt nicht die Rede sein. Es kann heutzutage niemand mehr ernsthaft der Ansicht sein, es würden Menschen hergehen und jemanden tatsächlich teeren und federn, nur, weil Thomas Ney auf Twitter dazu aufruft. Nicht nur, dass er das tatsächlich gar nicht getan hat, allein schon der Gedanke daran, jemand könne dies wirklich als ernsthaften Aufruf verstehen, ist dermaßen absurd, dass ich als jemand, der beruflich u.A. auch über solche Dinge entscheidet, im Leben nicht daran gedacht hätte, das auch nur näherungsweise ernst zu nehmen.

So absurd die initiale Sperre bereits war, so absurd war dann auch die Sperre für meinen Account im Nachgang. Der Tweet, der zur Sperre meines Accounts führte, lautete im exakten Wortlaut wie folgt:

Der @neythomas schreibt böse DInge und fühlt dafür die unnachgiebige Hand von #TwitterSperrt. Teert und federt ihn! #teerenundfedern #menschentunalleswasmanihnenauftwitterbefiehlt

Der Tweet wurde in der Zwischenzeit gelöscht, es kann daher nicht darauf verlinkt werden.

Einem menschlichen, muttersprachlichen Betrachter wäre hier sehr schnell klar gewesen, dass mein Tweet keineswegs in sich ein Aufruf zum Teeren und Federn war, sondern ein sarkastischer Kommentar zur initialen Sperre von Thomas Ney. Twitter sagt in ihrer automatisierten Meldung darüber:

You may not engage in the targeted harassment of someone, or incite other people to do so. This includes wishing or hoping that someone experiences physical harm.

Nun, was heißt das? Twitter möchte nicht, dass ich an der gezielten Belästigung Dritter teilnehme oder andere dazu anstachele, an der gezielten Belästigung teilzunehmen. Dies beinhaltet sowohl den Wunsch, aber auch die Hoffnung, dass diese Dritten körperlichen Schaden erleiden.

Wünsche ich Thomas Ney etwa Schaden?

Nein, natürlich nicht. Es ist absurd, das in den Tweet hineinzuinterpretieren und ich gehe stark davon aus, dass ein Muttersprachler, der sich den Tweet für 2 Sekunden anschaut, das auch direkt und ohne Probleme erkannt hätte. Stattdessen überlässt Twitter solche Entscheidungen aber einem Algorithmus, der einfach nur genügend Meldungen braucht, um bei Überschreiten eines bestimmten Schwellenwertes automatisch eine Sanktion auszusprechen. Sinnvoll ist das nicht und wie genau dieses Beispiel zeigt, dürfte die Anzahl von false positives bei diesem Verfahren geradezu astronomisch sein. Nicht nur, dass dies die Diskussionskultur in keiner Weise bereichert oder schützt, es führt letztlich auch dazu, dass alles, was man künftig tun muss, um einen unliebsamen Konkurrenten auf Twitter effektiv und gezielt ruhigzustellen, das Aufstellen einer ausreichend großen Meldearmee ist.

Auf den tatsächlichen Inhalt der inkriminierten Beiträge kommt es letztlich überhaupt nicht mehr an und genau da liegt das größte Problem des Ganzen: es genügt, laut genug “Ich bin empört!” zu schreien, sprich: in ausreichender Menge zu melden. Das hat nichts mit vernünftiger Diskussionskultur zu tun, das ist schlicht Willkür, das ist Aktionismus, das ist sinnfrei. Und besser könnte man das NetzDG auch gar nicht beschreiben.

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