So einer bin ich

In welche Schublade gehöre ich denn nun?

Ich glaube nicht an die Wirkung von Demonstrationen. Aus dem Alter bin ich raus. Politischer Diskurs, der etwas bringt, findet nicht auf der Straße statt, sondern in den Köpfen der Leute, in den Medien, in sozialen Netzwerken und in der Politik. Ich verteidige aber jedermanns Recht auf Demonstration und freie Meinungsäußerung. So einer bin ich.

Ich spiele Killerspiele. Ich fahre gern Panzer und schieße gern auf Pixel. Als Ausgleich zum echten Leben, in dem Gewalt nicht in Ordnung geht. In dem ich mit Menschen, deren Meinung ich nicht teile, in Diskurs gehe, anstatt sie einfach an die Wand zu klatschen. So einer bin ich.

Ich glaube, dass es in Ordnung ist, Extremisten der einen Sorte abzulehnen und gleichzeitig die der anderen Sorte genauso abzulehnen. Ich glaube, dass es möglich ist, das eine Übel zu erkennen und dabei das andere nicht zu leugnen, aus Angst, das vermeintlich schlimmere Übel könne ansonsten untergehen. So einer bin ich.

Ich glaube, dass es in Ordnung ist, wenn Du mich in eine Schublade steckst, weil Du ansonsten, ohne klares Zuordnungssystem Deine eigene Identität nicht länger begreifst und nicht mit Dir, der Welt und/oder mir klarkommst, anstatt meine Argumente und Positionen von arbiträr gezogenen Kennlinien zu betrachten und nach Vernunft und Sinn zu urteilen statt nach Parteibuch oder Gesinnungsvorgabe. Ich kann das ab. Ich finde das naiv, kleingeistig und finde, dass es viel zu kurz greift und nicht mehr in unsere moderne, schnelllebige und wandelbare Welt passt, aber ich bin gerne bereit, Dir zuzugestehen, dass Du Dir nur so die Welt erklären kannst und an ihr teilhaben kannst. So einer bin ich.

Ich glaube daran, dass man auch mit Rechtsextremen lieber reden sollte, als Ihnen das zu geben, was sie wollen: auf ihre Provokationen zu reagieren. Denn das zu tun, was sie provozieren wollen und was ihre Anhänger selbst tun, macht mich letztlich keinen Deut besser als sie. So einer bin ich.

Wenn mich einer angreift, werde ich alles daran setzen, ihn kampfunfähig zu machen; auch, wenn das bedeuten sollte, dass ich ihn schwer verletzen muss, wenn er vorher nicht aufhört, eine Gefahr für mich oder meine direkte Umgebung darzustellen. Dass ich Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung grundsätzlich nicht billige, heißt nicht, dass ich blöd genug bin, mich nicht selbst zu schützen. Ich werde aber nicht als Erster zuschlagen. Auch so einer bin ich.

Ich bin davon überzeugt, dass ich, wenn ich das mit dem Demokratsein ernst meine, nicht allen Ernstes Nazis schlecht finden und gleichzeitig kein Problem mit Stalinisten und sog. Autonomen haben kann. Ob nun ein Rechtsextremer mich internieren oder gegebenenfalls töten möchte oder ein Linksextremer, das Resultat ist am Ende das Selbe: ich bin entweder interniert oder tot. Ich persönlich finde es völlig irrelevant, aus welchem Beweggrund heraus und unter welcher Flagge es dazu kam. So einer bin ich.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle gleich sind. Wir sind alle aus Fleisch und Blut. Wir atmen alle dieselbe Luft. Wir trinken alle Wasser (oder Erzeugnisse daraus). Wir müssen alle essen. Jeder von uns blutet, wenn man ihn verletzt. Bei jedem von uns ist dieses Blut von Natur aus rot und besteht aus denselben Bausteinen. Ich begreife allerdings auch, dass es so etwas wie unterschiedliche menschliche Rassen durchaus gibt, daran ist nichts Schlimmes. Alle sind völlig gleichwertig und aus denselben Grundbausteinen gebaut, alle haben dieselben Rechte – von meiner moralischen Grundeinstellung ausgehend, nicht von der Realität; da ist leider noch viel zu tun, bis wir da sind, wo wir hin sollten – und alle sind grundsätzlich den anderen nicht “übergeordnet”. Es ist nichts Verwerfliches dabei, zuzugeben, dass wir alle, so gleich wir in gewissen Dingen auch sind, letztlich alle unterschiedlich sind. Im Gegenteil. Diese Unterschiede, kulturell, biologisch und soziologisch, sind gut. Diversität ist das Salz in der Suppe. Diversität macht den ansonsten eher öden Eintopf überhaupt erst schmackhaft und es wäre mir persönlich ein Graus, wären alle Menschen exakt gleich in all den genannten Belangen. So einer bin ich.

Ich bin ehrlich, offen und direkt. Ich halte nichts davon, auf Zehenspitzen um alle möglichen und unmöglichen Befindlichkeiten, die sich unsere Gesellschaft tagtäglich aufs Neue ausdenkt, herumzutänzeln. Ain’t nobody got time for that. Finge ich nun an, jedes meiner Statements vorher x-mal zu überdenken, damit sich auch ja niemand davon beleidigt, betroffen oder angegriffen fühlt, kostete mich dies bei all den potentiell Beleidigten heutzutage vermutlich Stunden. Wir sind eine Gesellschaft der potentiell Betroffenen und Empörten geworden. Alles, was gesagt wird, muss vorher auf die Wagschale der moralisch-ethischen Righteousness gelegt werden und erst dann, wenn wirklich keine Zielgruppe mehr etwas daran auszusetzen haben könnte, ist das Statement in Ordnung. Wer zum Fick nochmal hat Zeit dafür? Die Gruppe der potentiell Empörten ist doch endlos: Schwule, Lesben, Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge, Transsexuelle, Intersexuelle, Asexuelle, Unentschiedensexuelle, Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Fischesser, Tierliebhaber, Glutenunverträgliche, Moslems, Juden, Hindus, Christen, Prüde, Hypersexualisierte und vermutlich könnte man die Liste jetzt noch stundenlang fortführen und irgendwer fände sich immer noch, der sich von irgendwas, was bislang völlig unverfänglich war, beleidigt, diskriminiert oder unbeachtet fühlen. Mir sind Eure Spezialitäten und Befindlichkeiten größtenteils egal. Wenn ich Euch zu offen, ehrlich und direkt bin, dann meidet mich. Aber erwartet nicht, dass ich bei dem absurden Kindergarten des Herumtänzelns um allerlei potentielle Befindlichkeiten mitspiele. Ein Idiot ist ein Idiot. Wenn der Idiot nebenbei noch schwul, muslimisch, vegan, jung, alt oder sonst irgendwas ist, ist mir das völlig egal, das macht ihn nicht weniger zum Idioten. Das heißt nicht, dass ich herumwandle und jeden gezielt beleidige; ich besitze das, was man früher schlicht Anstand und Manieren nannte. Ich überspitze das nur nicht in absurder Weise. So einer bin ich.

Ich interessiere mich nicht für Eure Sexualität. Wenn es nach mir geht, paart Euch mit Bäumen, Schulmäppchen, Auspuffrohren oder wonach auch immer sonst Euch der Sinn steht. Aber tragt das nicht wie eine Monstranz vor Euch her und erwartet eine Sonderbehandlung deswegen. So einer bin ich.

Ich kann selbst bei der AfD politische Aussagen finden, denen ich unumwunden und bedingungslos zustimmen kann. Wer ganz tief und ehrlich in sich hineinhört, wird zugeben müssen, dass er das auch kann, es aber aufgrund lang antrainierter “Das darf so nicht!” Haltung schlicht und ergreifend nicht möchte. Das Ding ist: auch die AfD ist nicht “das pure Böse“. Um überhaupt nennenswert positive Reaktionen und Unterstützer über den absolut extremen Rand hinaus ergattern zu können, muss auch eine AfD eine gewisse Grundbasis haben, mit der sich möglichst viele in der einen oder anderen Art und Weise anfreunden können. Keine Gruppenbewegung kann völlig auf den “Mainstream” verzichten, wenn sie auch nur näherungsweise erfolgreich sein will. Jeder hasst die “casuals“, aber Fakt ist: jeder braucht sie. Auch die AfD sagt hin und wieder mal Dinge, die halt einfach vernünftig sind. Denen man zustimmen kann. Das wird nur i.d.R. von dem xenophoben, rassistischen Schwachsinn übertönt, den sie sonst von sich geben. Ich sehe und begreife das, schlimmer noch: ich weiß, dass das, mit jeweils angepassten Vorzeichen und Schubladen, auf alle anderen Parteien genauso zutrifft, auf allen Seiten des Spektrums. So einer bin ich.

Ich bin es Leid, mich immer und immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich schlicht und ergreifend nicht gewillt bin, meine Positionen der Mitte, der Vernunft und der Sinnhaftigkeit zugunsten von Parteibüchern, Parteiräson und Gruppenzwang aufzugeben. Dass ich gleichzeitig Gewalt auch gegen Rassisten und Faschisten nicht gutheiße und dennoch Demokrat bin. Dass ich der Ablehnung von Gewalt wegen nicht Apologet bin. Dass ich bei aller grundlegenden Zustimmung zu plumpen, viel zu kurz greifenden, aber eben bei Twitter und co. eben aufgrund der Kürze und Knackigkeit gut ankommenden Parolen wie “Nazis raus!” – die es in der Form ja auch nicht erst seit Twitter gibt und wer sich mal mit Marketing und Werbung befasst, wird ohnehin schnell merken, dass von langen, sinnhaften und zusammenhängenden Texten kaum Wirkung ausgeht, während stumpfe, kurze Parolen sich direkt ins Verbraucherhirn (oder in dem Fall Wählerhirn) einbrennen wie Zunder – letztlich trotzdem die Parole als zu kurz, zu vereinfacht und nicht umfassend genug empfinden kann, OHNE damit die Grundintention zu negieren. Klar müssen Nazis raus. Ich hab zwar keine Ahnung, welcher Volltrottel dumm genug sein soll, die dann aufzunehmen, aber ja, ich möchte auch, dass die aus meinem Land raus müssen. Aber ebenso müssen Stalinisten, Islamisten und andere Fanatiker und Extremisten raus. Ich kann das anerkennen und dennoch gegen Nazis sein. Das geht, verdammt nochmal. Das nennt sich Vernunft. Probiert das mal. So einer bin ich.

Ich bin der Ansicht, dass es völlig egal ist, ob es “die Antifa” als quasi eingetragene Organisation gibt oder nicht. Der Otto-Normal-Bürger hat ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, wenn er “Antifa” hört. Dieses Bild ist keines, mit dem ich assoziiert werden möchte; denn es ist ein Bild der Gewalt, der Zerstörungswut, des völligen Fehlens von Respekt gegenüber der Unversehrtheit Andersdenkender und der Unversehrtheit des Eigentums Anderer, ein Bild von Wildheit und Aggression. Ein Bild, das nicht meinen Werten entspricht. Ein Bild, dass nicht die Gesellschaft widerspiegelt, in der ich leben möchte. Das Bild, dass der Otto-Normal-Bürger vor Augen hat, wenn er “Antifa” hört, ist das von Attac, von Hunds- und Chaostagen, von brennenden Autos, Steinewerfen, Molotow Cocktails auf Polizeiautos und außer Kontrolle geratenen Demonstrationen. Alles im Namen der guten Sache, denn es geht ja gegen Nazis, gegen Kapitalismus und gegen Bonzen. Es kommt von links, damit muss es gut sein, denn wir sind uns ja bitte wohl alle einig: Schlechtes kommt nur von rechts. Es ist völlig irrelevant, ob “die Antifa” sich selbst als Organisation wahrnimmt oder sieht. Es ist die Perzeption im Volk, die zählt. Es ist mein Empfinden, dass es völlig widersprüchlich ist, von sich selbst zu behaupten, Demokrat zu sein und gleichzeitig den Schulterschluß mit jenen zu betreiben, die sich unter der Bezeichnung “Antifa” zu o.g. Taten zusammenfinden. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Ich sehe mich durchaus als “Antifaschist” und zwar in dem Sinne, den auch unser Grundgesetz beschreibt und auf dessen Boden Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Ich sehe mich als Demokraten, der es als seine Verantwortung auffasst, das ihm Mögliche zu tun, dass sich ein “Drittes Reich” in der Form nicht wiederholt. Ich werde aber, auch nicht des hehren Zweckes wegen, nicht wissentlich und willentlich mit jenen in derselben Ecke stehen, die selbst das Grundgesetz und unsere moralisch-ethischen Grundwerte mit Füßen treten, nur, weil sie ja gegen Nazis sind. So einer bin ich.

So einer bin ich.

Und jetzt, by all means, steckt mich weiter in Eure Schubladen. Lamentiert weiter darüber, dass es “die Antifa” nicht gibt und dass man jetzt auch einfach mal konzentriert gegen Nazis sein muss und es sich da verbietet, gleichzeitig noch gegen irgendwas Anderes zu sein. Als Demokrat, der sich als Vertreter der Mitte und der Vernunft sieht, kann ich das ab. Es kommt nicht darauf an, wo Ihr mich verortet, sondern vielmehr darauf, wo ich wirklich stehe.

So einer bin ich.

 

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