Sexwork und Twitter #4

Als “Das älteste Gewerbe der Welt” wird sie hin und wieder bezeichnet und tatsächlich gibt es sie schon so lange, dass sich Aufzeichnungen und Erwähnungen dazu unter Anderem um 2000 v.Ch. bei den alten Babyloniern und Phöniziern finden lassen. Bei den alten Griechen finden sich dann auch Überlieferungen zu Prostituierten ohne geistlichen Hintergrund, den sogenannten πόρνη (lautsprachlich porni), den “Huren” und den ἑταῖρα (lautsprachlich etera), den “Gesellinnen“.

Die Rede ist natürlich von der Sexarbeit.

Neu trifft alt – Sexarbeit im Informationszeitalter

Auch alte Berufe profitieren von den Errungenschaften des Informationszeitalters. Insbesondere im Hinblick auf die Kundenakquise können gut geplante Internetauftritte und Präsenzen auf den gängigen Social Media Kanälen einen großen Unterschied machen. Heute durfte ich mit einer Sexworkerin über die Tücken und Vorteile von Onlineauftritten, die Bedeutung der Digitalisierung für ihren Job und Einiges mehr sprechen.

@MuellerTadzio

Tadzio ist ein extrem spannender Interviewpartner, denn wie kein anderer Interviewpartner zuvor stellte er meine Weltoffenheit und Offenheit gegenüber anderen Lebenskonzepten auf den Prüfstand.
Bild zur Verfügung gestellt von Tadzio
©Nikita Teryoshin

Tadzio ist speziell. Bei der Recherche zu diesen Interviews denke ich in der Regel bereits beim groben Durchschauen der Tweets und der Plattformprofile zu den Interwiewpartnern ein wenig darüber nach, was ich wie zu ihnen schreibe. Manchmal entstehen schon kleinere Textpassagen während der Recherche. Bei Tadzio war das nicht so, denn Tadzio ist…speziell. Ich halte mich grundsätzlich für einen eher offenen Typen, der zwar seiner eigenen Vorlieben und Ausrichtung sehr gewahr und darin auch gefestigt ist, aber gegenüber anderen Ansichten erst einmal offen ist. Das fiel mir bei Tadzio schwer, denn Tadzio ist auf den allerersten Blick erst einmal “too much to handle”. Man bekommt Tadzio nicht in bestimmte Schubladen gesteckt, denn ein oder zwei Schubladen reichen für ihn schlicht und ergreifend nicht.

Tadzio ist so viel mehr als “nur” Sexworker: Aktivist, politisch aktiv, freizügig, Genußmensch. Er selbst bezeichnet sich in seiner Twitterbio als “Hedocommie” und “ClimateJustice-Schwuchtel“. Dabei ist sein Twitter-Feed gar nicht so sehr von Sex und Sexwork dominiert, wie man vielleicht initial denken könnte. Twitter, so mein Eindruck von ihm, ist für ihn ein Ort, an dem er einfach über Dinge spricht, die ihm wichtig sind, die ihn bewegen und auf die er aufmerksam machen will. Das hat – natürlich – auch hin und wieder mit Sex zu tun, aber häufig eben auch nicht.

Tadzio stellte sich dabei als für mich auf mehreren Ebenen spannender, aber auch schwieriger Interviewpartner heraus. Du kannst Dich für noch so offen und tolerant halten: wenn Du jemandem begegnest, der so viele Grenzen Deiner Komfortzone mit solcher Leichtigkeit sprengt und noch dazu auch politisch auf einer leicht anderen Wellenlänge schwingt, als Du selbst, stellt sich erst heraus, wie weit es mit Deiner Toleranz und Deiner Offenheit wirklich her ist.

Tadzio war so nett, mir einige Fragen zu beantworten.

Tobias:

Hallo Tadzio, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Ich muss gleich zu Beginn ehrlich gestehen: du tickst wahnsinnig viele Boxen in der Checkliste von Dingen, die für mich außergewöhnlich sind. Fangen wir am Anfang an. Für mich als Heterosexueller, der keine Ahnung, dafür aber viel Interesse hat: Du bist homosexuell und Sexworker. Wie groß ist da der “Markt” und ist es schwer für Dich, Kunden zu gewinnen?

Tadzio:

Ich muss glaube ich vorweg schicken, dass ich nicht 100% meines Einkommens mit Sexarbeit verdiene, was mich von vielen Kolleg*innen unterscheidet – ich bin also eine „Luxushure“ nicht in dem Sinne, dass ich besonders teuer bin, sondern, weil ich nicht komplett auf Sexarbeit angewiesen bin. Das ist vor allem in der Pandemie ein riesiger Luxus, weil in dieser Zeit der Markt für Sexarbeit natürlich drastisch geschrumpft ist, und viele Kolleg*innen wirklich gestruggelt haben.

Wie groß „der Markt“ im allgemeinen ist, kann ich nur schwer einschätzen, weil er in Nischen unterteilt ist – und die Nische, in der ich bin, ist auf jeden Fall ein „buyers’ market“, in dem die Kunden die Oberhand haben. Denn druffe SM-Subs im mittleren Alter (sprich: solche wie mich) gibt’s auf jeder schwulen Dating-App wie Sand am Meer, da ist’s gar nicht so leicht, die Tops dazu zu bewegen, für meine Dienstleistungen zu zahlen.

Die Kunden, die ich für mich gewinnen kann, die auch immer wieder Dates ausmachen, sind im Grunde solche, wie ich – nur *vor* meinen späteren coming-outs (also nicht bloß als schwul, sondern affirmativ pervers): drogenaffine Kinksters, die solche Dates neben ihren bürgerlichen haben, um darin Befreiung zu suchen. So macht mir die Arbeit dann aber auch viel Spaß.

Tobias:

Welchen Einfluss oder Effekt hat der Faktor “online” auf Deinen Arbeitsalltag?

Tadzio:

Meine Arbeit als Sexarbeiter wird eigentlich zu 100% online vermittelt (über eine Plattform namens „Hunqz“, angedockt an die bekanntere Planetromeo-, früher Gayromeo-App) – es gibt ja keinen Straßenstrich für Männer in Berlin, und in meinem Alter (45) würde ich da auch eher als Kunde betrachtet werden, denn als Escort. Mein „Arbeitsalltag“, wenn ich einen solchen habe, ist immer noch eher der eines Klimaaktivisten und -“intellektuellen“ (so aus der Zeit gefallen der Begriff auch klingen mag): Zeitungen Lesen, Twittern, Berichte (kurz) anschauen, gelegentlich mal ein Buch in die Hand nehmen…

Tobias:

Du bezeichnest Dich in Deiner Twitterbio selbst als “Hedocommie“. Was bedeutet das?

Tadzio:

Es bedeutet, dass ich Kommunist bin – aber kein langweiliger Pol-Pot-&-Stalin-Kommunist, sondern einer, der „Befreiung“ (denn darum geht es der kommunistischen Tradition eigentlich) nicht in der autoritären Regierung der Welt durch eine kommunistische Parteijunta sieht, aber eben auch nicht in einem kapitalistischen Markt, sondern in der freien, lustvollen, eben hedonistischen Assoziation vieler Menschen.

Für mich entsteht die Idee, die Praxis des Kommunismus nicht aus einer top-down-Ideologie, sondern aus dem einfachen Gedanken (und der Erfahrung), dass Dinge besser sind, wenn man sie teilt, zusammen tut, und wenn Menschen sich umeinander kümmern. Mag banal klingen, steht aber in grundlegendem Widerspruch zur gesellschaftlich dominanten, weil kapitalismuskompatiblen Erzählung, Alle wollen immer nur das Beste für sich.

Tobias:

War “Ich teile mein Leben recht offen auf Twitter.” in Bezug auf Deine Sexualität und Deinen Job eine bewusste Entscheidung oder hat sich das so ergeben?

Tadzio:

Auf Twitter: ja, das war ne bewusste Entscheidung – die aber eine Vorgeschichte hat, weshalb die Antwort im Grunde „das hat sich so ergeben“ ist:

Ich hatte mich lange von social media ferngehalten, weil ich eigentlich das Gefühl hatte, schon genügend Kommunikationskanäle in meinem Leben zu haben. Dann hatte ich im Herbst 2016 einen Crush auf einen sehr heißen Typen (der aber in den USA wohnte), der mir zu verstehen gab, dass die beste Art und Weise, mit ihm zu kommunizieren, via Facebook war. Einige Monate nach meinem Einstieg dort, am 1.12.2016 – WeltAIDSTag – …

Ah, warte, die Geschichte macht nur Sinn, wenn man weiß, dass ich HIV-positiv bin, und obwohl ich sonst eigentlich dazu neige, Allen immer Alles zu erzählen, hatte ich diese Tatsache (ich bin seit 2011 positiv, dazu gleich noch mehr) eigentlich ziemlich gut verheimlicht. Dann wachte ich am WeltAIDSTag auf, sah, dass ganz viele Menschen auf FB ihre Solidarität mit HIV-Positiven zeigten, und dachte mir plötzlich, irgendwie muss ich jetzt auch was sagen. Dann hatte ich ein meeeeegaemotionales HIV-Outing: direkt nachdem ich einen recht pathetischen Post (komplett mit Zitat von Harvey Milk, einem der großen Vorkämpfer der Schwulenbewegung) abgeschickt hatte, kamen unglaublich positive Reaktionen zurück. Leute aus Mauritius, Australien, Kanada, Brasilien, Finnland, die ich gar nicht kannte, alle schrieben mir, wie stark und mutig sie das fanden.

Ich bin zwar schon lange nicht mehr auf Facebook, aber das hat sich eingeprägt: wenn ich offen, ehrlich und selbstbewusst über mein merkwürdiges Leben berichte, dann sind die Reaktionen meistens positiv – und Dinge, für die ich mich früher geschämt habe, wirken plötzlich normal (wie z.B. Sexarbeiter sein). Alles Allen Sagen – das ist meine bewusste Strategie.

Tobias:

Du bist ja generell nicht einfach in spezifische Schubladen zu stecken. Du bist zum Beispiel nicht “halt einfach schwul“, bei Dir spielen ja noch mehrere weitere Interessen und Vorlieben mit hinein. Verlierst Du da manchmal selbst den Überblick oder brauchst Du selbst ohnehin keine Schubladen, sondern genießt halt einfach Dein Leben?

Tadzio:

Zum Einstieg in Deine Frage: klar, Du bist ja nicht „halt einfach ne Hete“, denn bei allen Menschen  „spielen mehrere Interessen und Vorlieben mit hinein“. Das Problem ist halt, dass queere Menschen und Lebensweisen in unserer heteronormativen Gesellschaft (in der also die Heterokleinfamilie das Maß aller Dinge ist) viel zu oft auf unsere Sexualität und sexuellen Präferenzen reduziert werden.

Jetzt zur eigentlichen Frage: es stimmt wohl, ich tendiere zur Grenzüberschreitung, bin ein im Kern entgrenztes und entgrenzendes Subjekt – und daraus habe ich mir auch in Teilen meine Identität gebastelt. Es wäre aber gelogen, wenn ich schreiben würde, „ich genieße einfach mein Leben“, weil meine Zwangsneurosen (OCD) und meine Hyperaktivität (ADHS) sowie meine großbildungsbürgerliche Erziehung dafür sorgen, dass mein Hirn nie wirklich aufhört, irgendwas zu machen, denken, arbeiten, weshalb mein Leben eher ein ständiges Wettrennen zwischen Genießen einerseits, und Hinterfragen und Verändern andererseits ist. Das gilt für mich, wie für meine Außenwelt.

Tobias:

Dein Twitter-Feed ist ja doch eher sehr bunt gemischt: da treffen Sex, Nudes, Politik und “Allerweltstweets” zu Essen, Trinken, Entspannung und co. zusammen. Wie muss man sich das als Außenstehender vorstellen: denkst Du erstmal über jeden Tweet eine Weile nach oder ist das eher “Frei Schnauze“?

Tadzio:

„Eine Weile Nachdenken“ ist lustig, weil ich über meine Aussagen (getwittert wie gesprochen) immer viel zu wenig nachdenke, sondern meistens irgendwas in einer Zeitung lese, oder im Radio höre, oder mich irgendein Tweet in den Wahnsinn treibt, dann schreibe ich was dazu – auch manchmal Quatsch.

Es gibt aber auch strategisch geplante Tweets, oder früher auch meine Longthreads (mit bis zu 37 Tweets). Die sind dann schon durchdacht, weil sie meinen großen strategischen Linien folgen, also meinen politischen Makrozielen: FridaysForFuture vom massenhaften zivilen Ungehorsam zu bewegen, zum Beispiel, oder neuerdings, Raum für #friedlicheSabotage für Klimagerechtigkeit zu schaffen.

Im Grunde ist’s so: ich denke schnell, ich schreibe schnell, da kommt manchmal halt auch Grütze bei raus, aber in den meisten Fällen nicht. Inshallah.

Tobias:

Ein spannender Teilbereich, über den ich bei der Recherche gestolpert bin, ist Chemsex. Damit habe ich als Hetero, der vor 20 Jahren zuletzt bekifft Sex hatte und sich damit schon für cool hielt, so genau 0 Erfahrungen. Wenn man Chemsex googlet, findet man tatsächlich nur wenig und nur wenig gute Informationen dazu, auch Wikipedia hilft nur bedingt weiter. Man findet dabei u.A. auch Tweets von dir, in denen du Artikel zu dem Thema bemängelst. Woran liegt dieser Mangel an vernünftiger Information und vernünftigen Berichten dazu Deiner Ansicht nach?

Tadzio:

Die Antwort ist, wie bei fast allen Fragen, die sich auf Sex beziehen: wegen der Scham. Scham ist so viel weiter verbreitet, als die meisten von uns sich das vorstellen. Ich bin ziemlich sicher, dass sogar die blumigste Blümchensex-Hete, die im Bett immer das Licht ausmacht und in der Missionarsstellung fickt, sich für irgendwas in ihren sexuellen Begierden und Bedürfnissen oder Fantasien schämt. Sex ist das schambelegte Thema überhaupt; dann pack da noch Drogenkonsum dazu, der so schambelegt ist, dass wir als Gesellschaft zur lustigen intellektuellen Operation fähig sind, Alkohol, empirisch gesprochen die gefährlichste Droge auf der Welt, einfach zur Nichtdroge erklärt haben – zum „Genussmittel“ – und du hast eine beinahe unmöglich offen zu kommunizierende Kombination aus Sex & Drugs & shame for all. Daher sprechen Chemsex-Afficionados kaum offen über ihre Praxen, obwohl wir wissen (und ich noch besser weiß), dass auch äußerst prominente Menschen so etwas machen. Nur standen die eben nicht dazu (z.B. ein grüner Parlamentarier). Ich habe den Luxus, dass ich dazu stehen kann.

Tobias:

Ich mag es ja kaum zugeben, aber auch ich erwische mich manchmal bei extrem vorurteilsbehafteten Gedanken. Bei der Recherche zu diesem Interview habe ich mir natürlich auch deine Bilder angeschaut. Neben “Fetischkram“, Nudes und Kundgebungen stolpert man dabei auch über Bilder, bei denen mein erster Gedanke war “Ach schau, das ist ja cute. So liebevoll und sanft.” und ich mich dann gefragt habe, warum zur Hölle mich das im ersten Moment so überrascht. Konzentriert man sich zu sehr auf Klischees und das, was anders ist, als bei einem selbst?

Tadzio:

Ähm, hier muss ich nochmal nachfragen: Dich überrascht, dass druffe BDSM-Nasen auch romantisch kuscheln können? Your Problem 😉

Tobias:

Nehmen wir für einen Moment einmal an, Heimrechner und das Internet hätten sich nie durchgesetzt. Wie sähe Dein Joballtag ohne diese Dinge aus?

Tadzio:

Hmmm… Naja, also für Sexarbeit gäbe es dann noch mehr Straßenstriche, was meine Arbeit in dem Feld nicht gerade angenehmer machen würde; auch als Aktivist und Intellektueller bin ich sehr froh, dass ich nicht jedes Buch in einer Bibliothek finden, oder für jedes Thema, bei dem ich mich nicht auskenne, jemand Kundigen anrufen müsste. Also im Grunde pro!

Tobias:

Als Homosexueller hast du mit Sicherheit deinen fair share an Vorurteilen abbekommen in Deinem Leben. Durch Twitter und andere Sozialen Medien kann jeder seine Ansicht noch viel leichter unter die Menschen bringen, als jemals zuvor. Wenn Du das jetzt, mit Twitter und co. mal mit davor vergleichst: nehmen solche Situationen für Dich eher zu oder ab?

Tadzio:

Als Homo, der über (ambivalente) Privileg des „passing“ verfügt – ich kann in Heterokontexten wie eine Hete wirken, wenn notwendig – und außerdem in vielerlei anderer Hinsicht privilegiert ist, war ich nur selten das Ziel offen artikulierter Vorurteile. Tatsächlich war die Rosa-Luxemburg-Stiftung, mein alter analoger Arbeitsplatz, einer der wenigen Orte, wo ich merkte, dass ich als Homo strukturell ausgegrenzt werde, aber diese Geschichte sollte ich vielleicht ausführlicher erzählen, nicht bloß anreißen.

Eigentlich kann ich sagen: ich habe es geschafft, mir eine sehr, sehr nice Twitterbubble zu bauen, und mit Ausnahme einiger durchgeknallter (aber sehr, sehr lustiger) Berliner Maoisten und ein paar Nazitrolle hab ich auf Twitter weniger Stress, als im analogen Leben.

Tobias:

In einem Interview mit der taz sagst du “Mein Körper liebt, lebt, tanzt, fickt, küsst.“. Wenn ich das zusammen mit dem Bild betrachte, dass ich bei der Recherche von Dir erlangt habe, habe ich gar nicht den Eindruck, dass du “Aktivist” bist, sondern eher, dass du einfach das, was du tust und sagst lebst und liebst. Profitierst Du dabei auch davon, dass mit Sozialen Medien, aber auch der einfacheren, bequemeren und schnelleren Verfügbarkeit von Online-Versionen herkömmlicher Medien letztlich sehr viel mehr und vor Allem einfacheren Reach hast?

Tadzio:

Es stimmt: ich lebe und liebe, was ich tue und sage – das liegt aber auch daran, dass ich „Aktivismus“, dass ich Kampf liebe, gar brauche. So sehr es mich immer wieder stresst, ich scheine nicht so ganz in der Lage zu sein, mich mit einer äußerst suboptimalen Realität zu arrangieren (Faschismus, Klimakrise, etc.), und muss ständig irgendwas tun, um diese herauszufordern. Das liebe ich genau so, wie nen Joint rauchen, oder mit meinem Partner Knutschen.

Und natürlich helfen mir Twitter et al dabei, direkt mit Menschen zu kommunizieren, die ich sonst nur über klassische Medien erreicht hätte. Im Kern bin ich ein Demagoge und Propagandist – da hilft social media enorm.

Tobias:

Twitter, Online, etc. – das alles erhöht die Reichweite und die Anzahl an Menschen, die man erreichen kann. Es erhöht aber umgekehrt auch die Anzahl an Menschen, die Dich erreichen können. Unlängst hast Du Dir eine Kommunikationspause genommen, sprachst davon, zu einem wütenden, alten Mann zu werden. Hast Du für Dich einen Weg gefunden, das zu verarbeiten oder genügt Dir das Aufladen der Batterien?

Tadzio:

Ja, habe ich: mehrere Wochen social media-Pause, sehr viel Sex, ein Bisschen Selbstrevolution betreiben – dann klappt’s auch wieder mit der politischen Kommunikation.

Tobias:

Vielen Dank für Deine Zeit und Deine offenen Antworten, Tadzio!

Digital Natives und Sexwork – wenn zwei Welten sich treffen

Ich erwähnte es ja eingangs schon: Tadzio ist speziell. Seine Offenheit und Direktheit kann überwältigen, denn wir sind so etwas auch schlicht und ergreifend nicht mehr gewohnt. Er spricht offen und mit einer Nonchalance über Dinge, die letztlich bewundernswert ist. Wer einfach offen und ehrlich ist, hat nichts zu verstecken und muss sich auch nicht verstellen, keine Rolle spielen.

Dabei hat Tadzio mich mehrfach an Grenzen gebracht, mir gezeigt, dass ich bei Weitem nicht so offen und direkt bin, wie ich es mir gerne einrede. Am Eindrücklichsten habe ich das gemerkt, als es um “Guck mal, der ist sonst so rough und tough drauf, aber da kuscheln sie ganz cute!” ging. Da schwingt schon viel Vorurteil mit, zumindest aber mal Unbedachtheit. Natürlich hat Tadzio Vorlieben, die sich nicht mit meinen decken. Aber so, wie es auch bei mir nicht ständig nur um ein und dieselbe Spielart geht, mag doch auch Tadzio einfach unterschiedliche Dinge. Warum wundert es mich, dass das manchmal vielleicht auch einfach nur romantisches Kuscheln ist? Und auch das, auch wenn ich es tatsächlich nicht “böse” meine und dabei keine besonderen Hintergedanken habe, ist eben auch wieder ein Vorurteil: “der mag es rough, der darf nicht kuscheln“. Vorurteile beginnen oft im Kleinen.

Tatsächlich bin ich sehr froh, dass sich im Verlauf der übrigen Interviews der Kontakt zu Tadzio ergeben hat. Das Interview mit ihm hat was mit mir gemacht, bevor es überhaupt zustande kam. Ich habe mich sehr darauf gefreut, denn männliche Sexworker zu finden, die dann auch noch in die Themenreihe passen, gestaltete sich eher schwierig. Auch, weil ich ja “von außerhalb” komme und da auch nicht vernetzt bin, denn ich bin mir sicher: es gibt sie. Ich hatte aber auch eine gewisse “Angst” davor. Angst davor, dumme Fragen zu stellen, weil die Ecke, die Tadzio bedient, von meiner so unterschiedlich ist und ich dafür meine Komfortzone verlassen muss. Angst davor, nicht mit seinen Antworten klarzukommen. Wie sich herausstellte, waren alle diese Ängste unbegründet. Tadzio ist nicht nur offen, ehrlich, direkt und in seinen Vorstellungen maximal gefestigt, er ist auch extrem professionell.

Ich habe durch das Interview mit Tazio viel gelernt. Über seine Lebenseinstellung, über seine Kinks und am Meisten über mich selbst.

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