Projekt Buch #4

In der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Moskau, 2019

„Sergej! SERGEJ!“, Ilja war ganz aufgeregt. „Sergej! Schau doch. Es hat funktioniert. Es funktioniert. Wir haben 100% Erreichbarkeit, der Datenstrom ist kohärent und wir haben so gut wie keinen Paketverlust!“, sagte Ilja, mit einem Zittern in der Stimme. Er war nicht nur aufgeregt, nein, er war geradezu euphorisch. Sergej nickte nur, gönnte sich ein kurzes Lächeln und überprüfte dann den Datenstrom selbst. Die jungen Kollegen waren manchmal ein wenig übereilig mit ihrer Freude, doch den ersten Scans der Plattform zur Folge konnte Ilja Recht behalten: der Datenstrom war kohärent und der Paketverlust lag mit 0.04% deutlich unter den 2%, die in den Anforderungsspezifikationen vorgegeben waren. Sergej war jedoch zu alt, zu erfahren und zu realistisch, um sich gleich von Iljas Euphorie anstecken zu lassen. Er wusste aus langjähriger Forschungserfahrung, dass erste Ergebnisse, insbesondere so gute, oft Zufall waren und keineswegs verlässlich. Wenn sie den Datenstrom auch aufrechterhalten konnten, wenn einige weitere Nutzer eingeloggt waren und die Daten konsistent blieben und das über mehrere Testläufe hinweg, dann würde er sich vielleicht erlauben, sichtbar Freude zu zeigen. Bis dahin jedoch hatte er die Fassung zu wahren und mit gutem Beispiel voranzugehen. „Ihr jungen Dinger. So leicht zu erregen.“, sagte er und bedachte Ilja mit einem tadelnden Blick. Er zog sich den Sensorhandschuh an und aktivierte ihn. „In ein paar Jahren brauchen wir die Dinger nicht mehr. Dann haben wir die neuralen Interfaces perfektioniert und können den Datenstrom mit unseren Gedanken steuern.“, sagte Ilja und deutete auf den klobig und unbeholfen zusammengezimmerten Sensorhandschuh, immer noch ganz euphorisch und zufrieden mit sich selbst und der Welt. Sergej zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er war Wissenschaftler und neuen Technologien gegenüber sicher aufgeschlossen, aber er traute Computern nur, solange er sie kontrollierte. Die neuralen Interfaces, von denen Ilja sprach, wurden in der Abteilung für angewandte Neurotechnologie erforscht und entwickelt und Sergej hatte die ersten Pläne studiert. Um zu funktionieren, mussten den Probanden Elektroden in die Hirnrinde implantiert werden, über die der angeschlossene Hochleistungsrechner direkt in die Signale eingreifen konnte, die vom Gehirn des Probanden empfangen wurden. Allein beim Gedanken daran schauderte Sergej. Das war nichts für ihn. Sollten sich junge, aufstrebende Forscher wie Ilja damit befassen. Sergej schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf den Datenstrom vor ihm. Den Kollegen aus der Abteilung für Fortschrittliche Displaytechnologien war Anfang des Jahres ein Meisterstück gelungen, auf dem seine Augen nun ruhten: echte 3D Holographie. Diese Holodisplays hatten nichts mehr mit den primitiven Dampfhologrammen gemein, bei denen 3D Bilder – mehr schlecht als recht und mit fragwürdiger Bildqualität – auf eine Wand aus fein vaporisiertem Wasserdampf projiziert wurden. Es war den Forschern gelungen, elektromagnetische Felder so zu steuern, dass das Projektionsmaterial, welches nach wie vor Dampf war, beinahe lebensecht und real wirkte und hochauflösende, echte Hologramme ermöglichte. Eines dieser Holodisplays wurde seiner Abteilung zur Verfügung gestellt und auf diesem prangte nun eine Repräsentation des Datenstroms der Plattform. Der Strom sah aus, wie eine Art Liniendiagramm aus verschiedenen Bestandteilen: blaue Linien bahnten sich ihren Weg von links nach rechts. An augenscheinlich willkürlichen Punkten der Linien waren kleine Punkte in einem anderen Blauton hervorgehoben.

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