Dummheit, die nicht ausstirbt – besorgtes Bürgertum und seine Kettenbriefe

Besorgter Bürger teilt besorgten Kettenbrief

Ich kann es ja manchmal einfach nicht lassen.

Ich war mal wieder auf Facebook unterwegs und stolperte in einer der dortigen regionalen Gruppen, in denen ich Mitglied bin, über einen Kettenbrief. Wir alle kennen sie: Kettenbriefe der Sorte “Ich lasse mich über Thema XY aus und ich sage Dir jetzt schon, nur [variable, aberwitzig hohe Prozentzahl einfügen]% werden den Mut haben, dies zu teilen!”, deren Informations- und Faktengehalt üblicherweise gegen 0 tendiert und die sich i.d.R. auch grundsätzlich lesen, als hätte ein 12 Jahre alter Schuljunge die Aufgabe bekommen, aus miserabel vorbereiteten, dümmlichen Textbausteinen einen möglichst weinerlich klingenden Gesamttext zusammenzubauen, Faktengehalt irrelevant.

Machen wir uns doch die Mühe, einige der wirren Thesen in diesem Kettenbrief einem – zugegebenermaßen sehr oberflächlichen und schnellen – Faktencheck zu unterziehen.

Man zahlt 1.60 € für den Liter Benzin,

Soweit richtig, die Benzinpreise stiegen – regional unterschiedlich – in letzter Zeit recht abrupt und sehr deutlich spürbar an, stellenweise auf deutlich über die angesprochenen 1,60€. Das tun Sie allerdings häufiger mal und das auch nicht erst seit gestern. Die durchschnittliche Benzinpreisentwicklung seit dem Jahr 2000 sieht in etwa so aus:

Benzinpreisentwicklung seit 2000, Jahresdurchschnitt.

Man kann recht gut erkennen, dass der Benzinpreis generell doch eher mitunter großen Schwankungen unterlag, auch bereits weit vor der “Flüchtlingskrise” und der grundsätzliche Trend hierbei ist – wie bei so vielen Gütern – ein nach oben gerichteter. Wie dem auch sei, insgesamt betrachtet wird jedoch auch klar: der bundesweite Durchschnitt liegt keineswegs bei 1.60€ für den Liter Benzin und selbst wenn dem so wäre, wäre das noch immer nicht die Höchstmarke.

Quelle: Statista

 

 

 

 

 Strom und Gaspreise sind seit drei Jahren um knapp 50% gestiegen.

Das Gefühl kennen wir alle; ja, es fühlt sich in der Tat so an, als stiegen die Preise für Energie und Heizung enorm und der gefühlte Wert wird diese 50% sicher nicht nur erreichen, sondern mitunter sogar übersteigen. Allerdings ist die Realität auch hier wieder eine andere.

Strompreisentwicklung

In den letzten 3 Jahren – und um die ging es in der Behauptung ja – sind tatsächlich sogar um sehr viel weniger als 50% gestiegen. Der Anstieg von 2015 bis 2017 entspricht tatsächlich 2.1%, was nun wirklich deutlich weniger als 50% sind.

Quelle: Statista

 

 

Mit den Gaspreisen verhält es sich kaum anders. Tatsächlich ist das “Argument”, was den Gaspreis angeht, sogar noch absurder, denn der ist im Durchschnitt im genannten Zeitraum sogar gesunken.

Gaspreisentwicklung

Diese Zahlen zugrundelegend sprechen wir hier in der Realität von einer Erhöhung des Gaspreises in den letzten 3 Jahren von sage und schreibe -5.5%, Gas ist von 2015 bis 2017 um 5.5% billiger geworden.

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

 

Arbeitnehmer mit einem Arbeitstag von 10-12 Stunden verdienen ca. 1.300.- €, dürfen dank korrupter Gewerkschaften nicht streiken oder Nebenjobs machen, um ein paar Kröten mehr in der Tasche zu haben und damit ihre Familien über die Runden zu bekommen.

Und an dem Punkt weiß ich schon gar nicht mehr, wo ich anfangen soll. Der durchschnittliche Arbeitstag eines Arbeitnehmers in Deutschland hat offiziell keineswegs 10-12 Stunden. Generell gilt in Deutschland als “in Vollzeit Beschäftigter”, wer 40 Arbeitsstunden pro Woche absolviert (u.A. Urteil des Bundesarbeitsgerichts AZ: 5 AZR 602/13). In der Regel hat eine normale Arbeitswoche in Deutschland 5 Tage á je 8 Stunden. Abweichungen können sich aus dem jeweiligen Arbeitsvertrag ergeben, der Durchschnitt jedoch wird eine 5 Tage Woche haben und arbeitet damit eher 8 als 10-12 Stunden pro Tag.

Wenn die 1.300€ Netto waren, kommt das vermutlich hin, auch wenn uns Statista u.A. weismachen wollen, das Durchschnittsnettogehalt läge deutlich höher.

Inwiefern “korrupte Gewerkschaften” nun wiederum einen Einfluss darauf haben, ob ein Arbeitnehmer streiken darf oder nicht, erschließt sich mir an der Stelle auch nicht. Grundsätzlich sind Streiks, die nicht von der Gewerkschaft abgesegnet und organisiert sind, zwar in der Tat nicht rechtmäßig und es kann nicht jeder Arbeitnehmer ohne Folgen hergehen und für sich allein genommen streiken. Aber der Rest der Argumentation erschließt sich mir dennoch nicht. Vermutlich, weil es, wie ein Großteil dieser Posts, nur dahingetipptes Geschwurbel ohne Substanz ist, welches sich nach wenigen Minuten Recherche und Faktencheck auch klar als solches herausstellt.

Zu guter Letzt, ob man einen Nebenjob annehmen darf, entscheidet indes auch keine Gewerkschaft, sondern der Hauptarbeitgeber. Und dieser ist durchaus dazu berechtigt, darüber zu befinden, ob sein Mitarbeiter nebenher noch anderen Jobs nachgehen darf oder nicht; immerhin hat er ein berechtigtes Interesse daran, die Arbeitskraft seines Mitarbeiters für sich und seinen Betrieb zu sichern. Das ist völlig normal und meines Erachtens auch völlig in Ordnung und in manchen Branchen kann es hierbei auch schlicht und ergreifend um die Wahrung berechtigter Sicherheitsinteressen gehen, wenn der Antragsteller zum Beispiel mit wichtigen oder geheimen betrieblichen Informationen umgeht und betraut ist, möchte man nun ganz sicher nicht, dass dieser im Zweifel aus Gram und Zorn damit hausieren geht oder auch schlicht von Konkurrenten, bei denen er einen Nebenjob annimmt, ausgehorcht wird.

Wir haben genug Probleme im eigenen Land, wo man mal anfangen sollte! Was macht unser lieber Staat? Überschwemmungen am Ende der Welt: Wir schicken Hilfskräfte hin! Krieg: Wir müssen mitmischen! Länder sind Pleite: Wir schicken MILLIARDEN hin, damit sich die dortigen Politiker und Banken die eigenen Taschen vollstopfen! Und wer bezahlt´s?…….. Wir!

Hilfskräfte in Krisengebiete zu entsenden nennt sich humanitäre Hilfeleistung und ich sehe ja gar nicht ein, menschlich, moralisch-ethisch richtige und lobenswerte Maßnahmen hier noch extra rechtfertigen zu müssen. Menschen in Not zu helfen ist eine gute Sache. Zudem wir an einer großen Teilmenge dieses Leids teilweise direkt, teilweise indirekt nicht ganz unschuldig sind und es demnach nur recht und billig ist, wenn wir uns dann auch um den direkt oder indirekt durch uns angerichteten Schaden kümmern. Die Stichworte, die es an dieser Stelle zu googlen gälte, wären Waffenexporte und Deutschland…naja, eigentlich reicht das als Suchwort bereits.

Mit den Milliarden für Banken und Pleiteregierungen muss ich sagen: gefühlt ist das korrekt und eine hanebüchene Sauerei. So rein menschlich. Faktisch allerdings hat natürlich auch das wieder sehr pragmatische, logische Gründe und letztlich profitiert Deutschland nunmal weder von einem bankrotten Spanien, noch von einem bankrotten Italien und auch nicht von einem bankrotten Griechenland. Es führte zu weit, das nun in allen Einzelheiten exakt erklären zu wollen, daraus könnte man eine ganze Serie eigener Blogposts machen. Es soll an der Stelle also genügen, zu sagen, dass Deutschland durchaus ein eigenes Interesse daran hat, wenn es seine Nachbarländer nicht sehenden Auges und ohne Hilfe – im Zweifel eben auch finanzieller Natur – gegen die Mauer fahren lässt.

Am 1.1.2002 wurde, dank der EURO-Einführung, unser Leben doppelt so teuer wie zu D-Mark-Zeiten.

Doppelt so teuer. Das klingt natürlich nun erstmal dramatisch und tatsächlich werden diejenigen von uns, die älter als 20 Jahre sind und damit noch deutlich mehr Erinnerung an die Deutsche Mark haben, als mal im Geschichtsunterricht davon gehört zu haben, vermutlich alle das eine oder andere Mal auch selbst bereits vom Teuro gesprochen haben. Faktisch allerdings ist auch hier die Angabe “doppelt so teuer” barer Unfug und nicht von Fakten gedeckt. Eine sachliche Beurteilung hierüber wäre natürlich über die Kaufkraft gegeben. Diese hat sich seit Einführung des Euro 2002 allerdings keineswegs halbiert, sondern ist lediglich um ein Fünftel gesunken. Auch hier wieder, man könnte zu dem Themenkomplex alleine umfassende Blogpostserien verfassen. Faktisch führten Inflation und Kaufkraftanpassungen jedoch letztlich nicht zu einer Verdoppelung im Verlauf der Jahre seit Einführung des Euro, sondern eher zu einer Verteuerung um rund 20%. Berechnet wurde dies hiermit, mit ein wenig Netzrecherche finden sich aber haufenweise ähnlicher Zahlen und Inflationsdaten, so dass ich für diese Diskussion jetzt mal davon ausgehe, dass dies stimmig ist.

An der Stelle breche ich dann auch ab.

Fazit: ja, auch Deutschland hat Probleme. Ja, es mutet zuweilen zumindest merkwürdig an, wenn man subjektiv das Gefühl hat, einem selbst – als Deutschem Staatsbürger – würde seitens des Deutschen Staates nicht ausreichend unter die Arme gegriffen, während Nichtdeutsche jede nur erdenkliche Hilfe bekommen und der Deutsche Staat teilweise Unsummen in andere Länder steckt. In der Regel kommt man, wenn man ein paar Minuten Zeit und ein bisschen Hirnschmalz darauf verschwendet, recht schnell darauf, dass da oft mehr dahintersteckt und man selbst nicht alle Faktoren bedacht hat. Und oft stecken schlicht auch einfach diplomatische oder taktische Beweggründe hinter der einen oder anderen Zahlung. Oft hilft man auch einfach sich selbst, indem man anderen hilft.

Diese Kettenbriefe strotzen vor Whataboutism, Gejammer, Opferrolle und offenbaren neben oft grausliger Rechtschreibung auch eine Geisteshaltung, die mir zuwider ist. Dass diese einem kurzen, oberflächlichen Faktencheck dann nicht standhalten, überrascht nur bedingt, bekümmert aber dafür umso mehr, wenn man bedenkt, wie einfach viel zu viele Menschen dann darauf hereinfallen und den Unsinn unhinterfragt und unbedacht weiterverbreiten.

 

2 Kommentare

  1. Kleine Korrektur: der Hauptarbeitgeber entscheidet *nicht* ob man einen Nebenjob annehmen darf. Das erzählen die einem gern, is aber nicht ganz richtig.
    Art. 12 Abs. 1 Satz 1 GG deckt auch den Nebenjob. Die einzigen die eine Genehmigungspflicht haben sind Beamte.
    Was es für den normalen Arbeitnehmer gibt ist eine Informationsplficht, bei der er den Nebenjob beim Hauptarbeitgeber anzeigen muss, dieser kann allerdings nur in bestimmten Rahmenbedingungen (arbeit gegen die Interessen des Arbeitgebers) die nebentätigkeit verbieten.

     

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