Die Mutigen von Twitter

Social Media ist voller Helden.

Sie kommen insbesondere an Gedenktagen, die mit dem Zweiten Weltkrieg oder anderen katastrophalen Ereignissen der Weltgeschichte zu tun haben aus ihrer Festung der Einsamkeit hervor, um auf Twitter und Facebook von Heldentaten zu berichten, die sie damals vollbracht hätten. Vollmundig und mit Inbrunst erzählen sie dann von Verantwortung, Zivilcourage und dass es doch völlig selbstverständlich sei, gar absolut alternativlos, sich als Bürger gegen ein unterdrückerisches Regime zu wehren. Aufzubegehren, offen und standhaft für seine Überzeugungen einzustehen.

Sie sagen dies aus einer Situation heraus, die bequemer, sicherer und demokratischer nicht sein könnte. Sie kennen den Schrecken autoritärer Regime i.d.R. nicht aus eigenem Erleben heraus, sondern aus Erzählungen. Oftmals leider nicht einmal aus den Erzählungen von Zeitzeugen und seriösen Quellen. Es ist leicht, der Held zu sein, wenn man selbst nie unterdrückt wurde. Es ist leicht, zu behaupten, man hätte auf jeden Fall die Zivilcourage, sich gegen einen Staat zu wehren, in dem genau das zu Verfolgung, Gefängnis oder gar Ermordung führen würde, wenn man selbst nie in einem solchen Staat leben musste und die Gefahr allenfalls noch abstrakt als Verschwörungstheorie und Paranoia existiert.

Anlässlich des gestrigen 8. Mai las man an vielen Stellen im Netz, dass es falsch sei, zu sagen, Deutschland sei vom Naziregime befreit worden. Stattdessen, so war von geneigten Twitterhelden zu lesen, sei es doch vielmehr so, dass eine absolute Mehrheit von Deutschen völlig Feuer und Flamme für den Nationalsozialismus war und die Welt von diesen befreit worden sei.

Sicher, es stimmt schon: der Nationalsozialismus hatte erschreckend viele, glühende Anhänger und es war sicher kein geringer Teil der Deutschen, denen Ressentiments wie Rassismus, Fremdenhass und auch Größenwahn und Selbstüberschätzung nicht fremd waren. Gerade Rassismus und Antisemitismus waren nicht erst seit 1933 eben auch groß in Mode im Westeuropa der damaligen Zeit. Zu sagen, das ganze damalige Deutschland sei hier nicht schuldbehaftet, ist sicher falsch. Der Umkehrschluß allerdings, es müssten dann alle bereitwillig und voller Glauben an die Sache blindwütig dem Nationalsozialismus nachgerannt sein, ist aber ebenso falsch. Er geht von der Annahme der Twitterhelden und “Aus-der-Ferne-Weltenretter” aus, dass alle Menschen mutig und selbstlos genug hätten sein müssen, im Zweifel für den Kampf gegen Hitler auch ihr Leben zu lassen. Aber kann man das wirklich von jedem Menschen erwarten? Sein Leben, das Leben seiner Familie und Freunde zu riskieren? Ist das wirklich jedem Menschen innewohnend? Ich habe da starke Zweifel.

Ja. Die Welt wurde am 8. Mai 1945 von Nazideutschland befreit. Es wurden aber auch nicht wenige Deutsche von einem unterdrückerischen Terrorregime befreit, gegen das viele sich einfach auch aus völlig verständlicher Angst um das eigene Leben und das Leben von Familie und Freunden, die unter dem eigenen Rebellentum gelitten hätten, eben nicht aufgelehnt haben. Und “die Welt”, das schließt Deutschland eben mit ein.

Statt sich ewiglich darüber zu streiten, wer nun warum wie viel Schuld und Verantwortung für das trägt, was war, sollten wir uns dessen bewusst sein, werden und bleiben, was unsere eigentliche Verantwortung ist: zu verhindern, dass so etwas jemals wieder geschieht. Und das geht uns alle an. Auch Euch Twitterhelden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.