Die Heiligen von Twitter

Auf Twitter findet sich, so viel ist sicher, nur die Créme de la Créme.

Wo man hinschaut, finden sich Experten und Weltenretter, die alles besser wissen und an diesem Wissen natürlich auch die ganze Welt teilhaben lassen müssen. Ist ja auch in Ordnung, immerhin ist das eben einer der Effekte einer offenen, freien Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit existiert: jeder darf seine Meinung frei mitteilen. Das ist ja auch gut und richtig so.

Natürlich bringt das aber auch ein ganz anderes Phänomen mit sich: wo es Heilige gibt, gibt es auch Scheinheilige.

Toleranz ist zum Beispiel so ein Thema. Man soll doch bitte mehr Toleranz zeigen. Allem und jedem gegenüber. Dieselben Leute, die das fordern, teilen dann Bildchen und Sprüche, die direkt alles als “Nazi” verunglimpfen, das nicht links der Mittellinie sein Zuhause findet. Wenn man diese dann darauf anspricht und fragt, wie das denn mit der Toleranzforderung zu vereinbaren sei, bekommt man oft zu hören, dass Toleranz nicht den Intoleranten gelte. Man macht es sich also leicht und legt sich die eigene Ideologie und Haltung eben so hin, wie man sie gerade braucht. Davon ganz zu schweigen, dass man auch gerne mal Nazi schreit, wo weit und breit kein Nazi zu sehen ist. Rechts und konservativ werden heutzutage gerne mal direkt als Nazi verunglimpft. Der Mensch auf Twitter kann nur noch in Extremen denken.

Oder Gendern. Wer das generische Maskulinum nutzt, weil es schlicht grammatikalisch korrekt ist, muss sich im Zweifel schnell vorwerfen lassen, Frauen zu unterdrücken. Wenn man Glück hat, denn längst geht es beim Gendern nicht mehr nur um die – vermeintliche – Gleichbehandlung von Frauen und Männern. Inzwischen muss man sämtliche potentiellen Geschlechter, mit denen sich die potentiellen Leser vielleicht identifizieren könnten, einbeziehen und seine Texte so verfassen, dass sich niemand ausgeschlossen fühlen könnte. Natürlich ist dies ein Unterfangen, welches niemandem je gelingen könnte, denn irgendwen offendest du heutzutage immer. Egal, was du sagst. Selbst der noch so konsequenteste Genderer gendert übrigens einfach nicht zu 100% konsequent alles durch. Korrekte Grammatik findet auch bei diesen immer wieder mal ihren Weg durch den Irrsinn.

Veganer sind auch so ein schönes Beispiel. Die Welt wäre besser, moralischer und gerechter, würde niemand mehr Fleisch essen. Das mag ja gern jeder für sich so halten und denken, aber zu einer besseren, gerechteren Welt gehört nun mal auch, dass mir niemand ständig Vorwürfe zu machen hat, wenn ich Fleisch esse. Ich habe auch umgekehrt noch nie einen Fleischesser gesehen, der mit aller Gewalt einen Veganer mit derselben Chuzpe und Penetranz bekehren wollte, wie umgekehrt Veganer versuchen, alle anderen zu bekehren.

Oder Radfahrer und Freunde der Verkehrswende. Sie haben sich sogar eine eigene Bezeichnung gegeben, die sie sich voller Stolz in die Twitterbio stellen: Kampfradler. Beseelt vom Hass auf Autos und Autofahrer preschen sie durch Twitter und erzählen von sauberer Luft und mehr Spaß auf dem Arbeitsweg und derlei mehr. Wenn man ihnen darlegt, warum das Auto in mancher Lebenssituation schlicht alternativlos ist, werden sie schnell totalitär und herrisch. Wer nicht täglich 16km hin und wieder zurück radeln möchte, um zur Arbeit zu kommen, wird verbissen. Das sei doch absolut machbar. Für jeden. Bei Wind und Wetter, im Schnee und bei eisigen Temperaturen. Auch das Argument, dass man damit den Arbeitsweg locker verdreifachen würde, lassen sie nicht gelten; der Arbeitsweg könne so eben viel intensiver genossen werden und man täte auch gleich noch was für seine Gesundheit. Alles gut und schön, aber vielleicht möchte ich nicht eine Stunde früher aufstehen müssen und 2 Stunden länger unterwegs sein pro Tag. Toleranz erwartet man hier aber vergeblich; die gibt es nur für Gleichgesinnte.

Twitter (gilt aber im selben Maße für so ziemlich alle Social Media Plattformen) ist ein Ort voller Heiliger und Wissender, die reinstes, klarstes Wasser predigen, aber am Ende doch alle nur Wein saufen.

Am Ende wäre es doch so einfach. Live and let live. Haben wir als Spezies und Gesellschaft nur irgendwo auf dem Weg völlig verlernt.

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