Die Etikettierer von Twitter

Menschen sind in der Regel recht einfach gestrickt. Ein Beispiel dafür ist die Neigung des Menschen, Dinge und auch andere Menschen mit sogenannten “Labels”, also Etiketten, versehen zu wollen. Dinge müssen einen Namen haben, eine Kategorie, irgendwas eben, mit Hilfe dessen der Mensch Dinge besser einordnen kann.

Viele sind dabei mit der Wahl ihrer verteilten Labels nicht zimperlich. Schnell ist man heutzutage Nazi, Linksextremer, Islamist oder sonst irgendein Übel der Neuzeit. Nicht immer hat man sich dieses Label auch tatsächlich verdient. Der Mensch ist schnell zur Hand mit dem Etikettiergerät im Twitterzeitalter. Diese Labels gehen, je nachdem, mit Pech auch nur schwer wieder ab.

Ein schönes, aktuelles Beispiel ist ein Shitstorm, der sich vor einigen Tagen um die Leipziger Shirtdruckerei Spreadshirt entspann. Spreadshirt bietet, neben einer Menge eigener Designs, die Möglichkeit an, selbst ein Design hochzuladen und sein Shirt damit ganz individuell zu gestalten. Man kann diese Designs dabei auch anderen Kunden verfügbar machen, entweder mit dem eigenen Shop, für den Spreadshirt die Infrastruktur bereitstellt, oder durch das Hochladen und Freigeben der eigenen Designs. In einem dieser so durch Spreadshirt bereitgestellten Shops entdeckten aufmerksame Twitterhelden ein “Corona-Motiv”, welches an einen Judenstern angelehnt war.

Die Grenzen des guten Geschmacks übertritt ein solches Motiv mit Sicherheit, dem stimme ich gerne zu. Dem Vorwurf gegenüber Spreadshirt, sie würden dies aus niederträchtigen Motiven heraus hemmungslos zu Geld machen, wiederum, kann ich nicht zustimmen. Wer so etwas behauptet, ist entweder völlig naiv oder hat sich kein Zwei Minuten Mühe gegeben, mal kurz nachzudenken. Wie zum Beispiel der Nutzer Florian Schroeder:

Florian Schroeder ist, nach Angabe in seiner Twitter-Bio:

Humorist in Wort und Bild. Moderator ‘Satireshow’ in @daserste und Spätschicht im SWR-Fernsehen. Kolumnist @WDR2 @hr1 @SWR1BW, Autor @rowohlt.

https://twitter.com/Schroeder_Live

Nun, er könnte – wenn nicht gar sollte – es besser wissen. Ein Unternehmen von der Größe Spreadshirts hat längst den Punkt überschritten, an dem man noch proaktiv alle von den Usern angegebenen Daten und den von Usern generierten Content manuell auf potentiell rechtlich relevanten oder auch schlicht moralisch-ethisch nicht vertretbaren Content prüfen kann. Der Aufwand wird von Twitterhelden gerne unterschätzt. Es werden täglich vermutlich mehrere Hunderte bis Tausende von Designs bei Spreadshirt hochgeladen. Wollte man jedes Einzelne manuell sichten, bräuchte man vermutlich locker mindestens 3-4 Vollzeitkräfte, die den ganzen Tag nichts Anderes tun als das. Ob sich das für ein Unternehmen wirklich lohnt, sei mal dahingestellt.

Tatsächlich ist es, wenn man den Pathos des Twitterhelden mal ablegt, völlig in Ordnung, es genau so zu handhaben, wie Spreadshirt das aller Voraussicht nach auch tut: wenn eine Meldung reingeht, wird das Motiv begutachtet und nötigenfalls entfernt. Das ist nicht nur völlig ausreichend, sondern auch viel eher im Sinne unseres Grundgesetzes und unserer Grundrechte, als auch hier wieder mit dem NetzDG und automatisierten Löschalgorithmen zu winken. Nicht nur, dass diese oftmals schlicht nichts taugen, was Tausende falsch-positive Ergebnisse und daraus resultierende Sperrungen auf Twitter, Facebook und co. inzwischen mehrfach unter Beweis gestellt haben: sie sind auch schlicht nicht Ausdruck und Kennzeichen einer funktionierenden Demokratie. Auch nicht einer wehrhaften! Wer wirklich denkt, NetzDG und Zensuralgorithmen seien mit unseren Grundrechten vereinbar, der hat 1984 irrtümlicherweise als Handbuch statt als Warnung missverstanden.

Kombiniert werden solche Vorwürfe am Ende gerne mit der Aufforderung, Shops und Anbieter, die solche Motive noch unerkannt in ihrem Angebot haben, zu boykottieren. Und spätestens jetzt verfallen die meisten Wohlmeinenden dann in den Jargon derer, vor denen sie eigentlich warnen und schützen wollten: “Kauft nicht bei Nazis!“.

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