Der Pazifist in mir

Grundsätzlich bin ich durchaus Pazifist. Ich spiele Killerspiele und ich schiebe auf virtuellen Schlachtfeldern virtuelle Soldaten und virtuelles Gefährt hin und her, ballere, was das Zeug hält und metztele mich im Zweifel auch problemlos durch ganze Horden von bösen Gegnern und Monstern. Ich weiß wohl, dass die Realität gemein ist, dass Krieg immer Tod, Leid und Verderben mit sich bringt. Ich weiß wohl, dass ich das grundsätzlich nicht toll finden sollte, was ich da mache, um mir meine Freizeit zu vertreiben, denn da tue ich genau das, was ich in der Realität nicht toll finde: morden, meucheln, metzeln und Leben beenden. Virtuelle zwar, da stirbt niemand wirklich, aber dennoch, symbolisch passiert da ja schon was. Aber, ein weiterer Ismus, dem ich anhänge, ist der Realismus und der Pragmatismus. Ich weiß, dass es ok ist, sowas zu spielen, und für die Realität immer noch zu kapieren, dass Mord, Totschlag, Metzelei und Krieg Kacke sind.

Ich persönlich erlaube mir mal gerade eine große Portion Pragmatismus. Es ist ganz generell und pragmatisch betrachtet immer toller, wenn $Landeseinwohner im dazu passenden $Land sein und bleiben kann. Man nennts ja nicht umsonst Heimat und man ist nicht umsonst in aller Regel schon irgendwie drauf bedacht, nach Möglichkeiten da zu bleiben. Das Gros der Syrer wär vermutlich auch liebend gern da geblieben. Aber die Syrer fliehen da gerade nicht vor Spannung, Spaß und Spiel und für die ist das bitter Ernst und gar nicht lustig. Die fliehen vor Gewalt, Tod und Verderben. Trotzdem bleibt obiges ja deswegen nicht unwahr: der handelsübliche Syrier wird in Syrien glücklicher sein, als in Deutschland, denn das ist schlicht seine Heimat. Langfristig müssen wir also schauen, wie wir die Syrier wieder nach Syrien kriegen. Das hat nichts mit Fremdenhass zu tun, das ist logisches, sachliches und vernünftiges Denken.

Gewalt erzeugt Gegengewalt und ja, der Westen hat den Großteil der Gewalt, mit dem ihm gerade seitens IS, Al Qaeda und co begegnet wird, durch großzügiges Aufbauen der jeweiligen religiösen, fanatischen Splittergruppen als Front gegen wen auch immer man gerade war (Taliban waren super um stellvertretend gegen Iwan zu kämpfen, etc.), durchaus selbst verursacht. Alles richtig.

Und dann schau ich mir an, mit welcher menschenverachtenden, grausamen und lebensverneinenden Ideologie dieses elendige Dreckspack vom IS massenhaft dümmliche Naivlinge um den Finger wickelt und zu welch grausamen Taten diese Idioten dann verleitet werden. Dann schau ich mir an, wie deren Frauenbild aussieht. Dann schau ich mir an, wie deren Kastensysteme nichts Anderes als westliche Klassengesellschaft unter anderen, hier eben “religiösen”, Pretexts sind und sie letztlich, sind wir doch mal ehrlich, kein Stück besser sind, als das, wogegen sie ihren ach so heiligen Krieg führen. Dann schau ich mir an, wie sie eine an sich halbwegs friedliche Religion – so friedlich, wie Religionen halt sein können – pervertieren und so völlig grundlegend falsch und absichtlich gegensätzlich zur ursprünglichen Bedeutung auslegen und interpretieren, so dass mittlerweile selbst an sonst völlig vernünftige, realitätssichere Menschen die dadurch nur umso bitterer notwendige Differenzierung zwischen Islam und Islamismus nicht mehr hinbekommen. Und plötzlich verstummt der Idealist in mir, der Gewalt nicht als Lösung – und zumindest maximal noch als ultimata ratio in ganz speziellen Fällen und auch da selten als optimalen Lösungsweg – betrachtet. Ganz ureigene Instinkte werden da wach und der Neandertaler in mir möchte jedem einzelnen Jihadi (Gotteskrieger), der anderen Menschen einzig und allein aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer Ansicht oder, weil es gerade in seine “politisch-strategische Linie” passt, den Kopf abschneidet, sie schändet und wie unwerten Dreck behandelt, mindestens ebenso behandeln. Plötzlich gibt es nicht genug Bomben auf dieser Welt, um dieses Pack am Besten zurück in die Steinzeit zu bomben, denn geistig und gedanklich befinden sie sich doch ohnehin bereits dort.

Grundsätzlich bin ich Pazifist.

Grundsätze taugen nur leider manchmal nichts, weil die Realität jedwedes Prinzip auf die Probe stellt und Prinzipien dummerweise nicht jeder Situation gerecht werden. Ja, ich bin grundsätzlich Pazifist. Grundsätzlich bin ich auch durchaus der Ansicht, dass der Westen ganz schön viel von dem, was im Nahen Osten schiefläuft, ordentlich befeuert und teilweise selbst erst in Gang gesetzt hat und dass den dafür Verantwortlichen einer recht gewaltig in den Hintern treten sollte. Aber wenn ich mir diese Salafisten und ihre Taten anschaue…dann wird der Pazifist in mir plötzlich ganz klein und findet schon, dass der IS und alle, die im selben Fahrwasser dieselben verabscheuungswürdigen Taten begehen, mit aller militärischen Härte, die der Westen zu bieten hat, vom Angesicht dieses Planeten gebombt gehören.

Vermutlich, so meldet sich kleinlaut der Sachliche in Harmonie mit dem Vernünftigen  in mir zu Wort, liegen die Wahrheit und die Vernunft irgendwo in der Mitte zwischen “bombt die Schweine (sic!) vom Planeten!” und “wir sind doch selbst Schuld!” und noch vermutlicher ists vielleicht gar nicht so sinnvoll, die Spirale der Gewalt weiter zu drehen, einer muss ja mal mit der Gewalt aufhören. Find ich ja schön, dass der Sachliche und der Vernünftige noch an den Weihnachtsmann glauben. Der Realist in mir allerdings gibt zu bedenken, dass es dafür zu spät ist und IS und co. nicht aufhören werden, wenn wir die andere Wange hinhalten.  IS und co. werden nicht aufhören, in menschenverachtender Art und Weise Menschen aus niedrigsten Gründen zu foltern, zu verstümmeln und zu ermorden und dies auf niederträchtigste Weise, die Tausende Unschuldige mit in den Tod reißt, von Mal zu Mal aufs Neue. Terror ist nicht gerechtfertigt, kein “just cause” und nichts, was sich damit einfach rechtfertigen lässt, dass wir (der Westen) ja angefangen hätten und die armen Salafisten sich ja nur wehren würden. Dann erklärt als Land oder als Ländergemeinschaft oder als was auch immer den USA und den Westmächten den Krieg, ganz offiziell und eindeutig. Aber Terror? Terror ist feige. Terror ist Abschaum. Terror ist Niedertracht, Hinterlist und nicht entschuldbarer Massenmord. Als Terrorist bist du nicht der Gute, nicht Robin Hood, der Rächer der Entrechteten und Geißel des Bösen. Als Terrorist bist du das Böse und wenn Terror deine Antwort ist, dann sollen Bomben und Raketen auf deine Stellungen in der Tat die Antwort des Westens auf den Terror sein, möglichst gründlich und nachhaltig.

Wies dem Pazifisten in mir geht? Der sitzt in einem weich gepolsterten Raum, schreibt mit Filzstiften Briefe an die Familie und träumt im Geiste von einer Welt, die mit denkfähigen, vernünftigen und nicht irgendwelchen Wahnvorstellungen anhängenden Lebewesen bevölkert ist.

 

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