Oktober 20, 2020

Aber ich hab ein Attest!

Auf Twitter habe ich heute im Nachgang eines Tweets eines meiner Lieblingstwitterer, DerApotheker, mal wieder sehr viele Diskussionen zum Thema Mund-Nasen-Schutz geführt. Es ist ermüdend, da mitunter die abstrusesten und wirrsten Ausflüchte hervorgekramt werden, um keine Maske tragen zu müssen.

https://twitter.com/ApothekerDer/status/1289169555500208128?s=20

Man kann nun über die Reaktion der Angestellten denken, was man möchte. Sicher hätte sie das auch freundlicher sagen können, aber man darf dabei auch nicht vergessen: Apotheker und Apothekerinnen (und PTAs genauso) erleben das täglich mehrfach, während sie selbst peinlichst genau – auch bereits vor Corona – auf Hygiene achten müssen. Und natürlich ist der Apothekenangestellte auch auf die Gesundheit seiner Kunden bedacht – und zwar die aller Kunden. Da überrascht es nicht, wenn nach dem gefühlt 400. Maskenverweigerer der Woche irgendwann einmal der Geduldsfaden reißt.

Es gibt sehr viele Gründe, die Maskenverweigerer anführen, aus denen sie keine Maske tragen. Viele nennen politische Gründe oder sind schlicht direkt und unumwunden einfach nicht bereit, Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen. Um die soll es hier aber nicht gehen; ich möchte mich ganz explizit der Ausrede “Ich habe ein Attest!” widmen und einige, mir heute im Verlauf genannten Attestbegründungen genauer beleuchten. Oftmals wird die Maske von Attestinhabern nämlich als völlig alternativlos dargestellt und das ist nicht Fall.

Ich habe Panikattacken, wenn ich eine Maske trage

Ja, natürlich gibt es Menschen, denen das passieren kann. Aus genau diesem Grund machen Psychotherapeuten extra Maskentoleranzübungen mit ihre Panikpatienten. Man kann Panikattacken behandeln und die Vermeidung der Trigger gehört genau eben nicht zu dieser Behandlung. Jede Therapie zielt darauf ab, den Patienten behutsam und unter Begleitung an seine Trigger heranzuführen und Wege zu finden, diese zu erkennen und entsprechend mit der Situation umzugehen. Zusätzlich zur Psychotherapie und zur langsamen Gewöhnung an die Situation kann man auch mit Medikamenten unterstützen. Panikattacken sind keine definitive, valide Ausrede und selbst, wer noch nicht so weit ist mit seiner Therapie, hat mehrere Alternativen zur Verfügung:

  • Diakonien und Sozialstationen bieten Einkaufshilfen an. Mit ein wenig Koordination und Anpassung an die Situation bekommt man da mittelfristig mit Sicherheit etwas hin. Sicher, es ist keine Instantlösung. Nichts ist eine Instantlösung.
  • Freunde, Verwandte, Bekannte können für einen den Einkauf übernehmen.
  • Zumindest bei Apotheken oder kleineren Einzelhändlern wird es Möglichkeiten geben, sich vorab zu verabreden und eine Übergabe der Ware am Hinterausgang oder anderweitig abgelegenen oder entsprechend absicherbaren Ausweichplätzen zu vereinbaren. Hier kann der Händler dann wenigstens immer noch Abstand halten und die restlichen Kunden bleiben geschützt.
  • REWE bietet in vielen Gebieten Lieferservice an. Man muss nicht zwingend selbst einkaufen gehen. Die Lieferextrakosten halten sich in Grenzen, i.d.R. unter 7€; außerdem gibt es ein Abosystem, bei dem die Lieferung dann gratis erfolgt.
  • In Verbindung mit den Plexiglasscheiben an der Supermarkt- und Apothekenkasse ist selbst ein ansonsten eher nur zweifelhaft bis nicht wirklich sinnvolles Faceshield immer noch besser, als keine Maske und in den meisten Fällen vom Patienten tolerierbar.

Ich habe eine Lungenerkrankung und bekomme mit Maske keine Luft

Wer eine Vorerkrankung des Atmungssystems hat, wird unter Umständen mit einer Maske schlechter Luft bekommen. Das ist völlig richtig. In Härtefällen kann dies sicher auch, wie von Einigen behauptet, zu einer sogenannten Synkope führen, der Ohnmacht. Das Problem hieran ist: wer tatsächlich vom Tragen eines MNS für nur wenige Minuten bereits synkopiert, der hat sehr wahrscheinlich eine sehr eingeschränkte Lungenfunktion und wird bereits gar nicht wirklich in der Lage sein, selbständig einkaufen zu gehen, geschweige denn, schwere Einkäufe heim zu schleppen. Wer wirklich vom Tragen eines MNS binnen weniger Minuten bereits synkopiert, der wird vermutlich ohnehin bereits keine 10 Schritte gehen können, ohne danach verschnaufen zu müssen.

Da sind wir dann aber auch bereits in einem Bereich, in dem wir über ein inexistentes Problem sprechen, denn eine derart vorerkrankte Person kommt ohnehin gar nicht erst wirklich in den Laden.

Auch hier sind wir dann wieder bei den bereits vorgenannten Alternativen Lieferservice, Diakonie/Sozialstation, Freunde/Verwandte/Bekannte. Und in dem Fall sprechen wir hier auch bereits von Menschen mit Behinderungsgrad und es lohnt sich vermutlich auch, mal bei der Krankenkasse nachzufragen. Die Chancen auf eine Unterstützung für z.B. einen “Einkäufer” dürften in dem Fall gut stehen.

Es gibt immer Alternativen!

Die Maske ist nie alternativlos. Ich kann mir keinen plausiblen Grund vorstellen, auf die Maske zu verzichten, aber sollte es einen geben: es gibt immer Alternativen. Ein paar davon habe ich oben genannt, es gibt sicher weitere.

Die Pandemie ist nicht vorbei, noch lange nicht. Covid19 wird uns noch mehrere Monate begleiten und es ist an jedem Einzelnen von uns, das ihm Mögliche zu tun, um weitere Infektionen möglichst zu verhindern und andere Menschen zu schützen.

Abstand, bitte!

Dazu gehören unter Anderem ganz einfache Dinge, die wirklich jedem zuzumuten sind, wie z.B., ausreichend Abstand zu anderen Menschen zu halten. Abstand ist bereits die halbe Miete. Dieses Gedrängel am Obstregal, in der Bahn oder an öffentlichen Plätzen ist ohnehin bereits eine Zumutung und wir sollten das ohnehin schleunigst abstellen. In der Pandemiesituation jedoch, in der ein solches Gedrängel potentiell tödliche Folgen haben kann und selbst, wenn man glücklich aus der Sache herauskommt, zu extremen Folgeschäden in Lunge, Kreislaufsystem oder Gehirn haben kann, ist es absolut unabdinglich, Abstand zueinander zu halten!

Großveranstaltungen und Urlaube in Risikogebieten meiden!

Dies ergibt sich bereits aus der ersten Maßnahme. Jeder, der mal auf einem Konzert, Festival oder einer Demonstration war, wird wissen: Abstand ist hier kaum möglich. Ja, es ist für Menschen, die sozialer (i.S.v. von geselliger) veranlagt sind, als ich, vermutlich eher sehr belastend, nicht mit Dutzenden Menschen in Parks, Eisdielen, Cafés, Konzerthallen und co. eng aneinandergekuschelt zu sein. Hier gilt es, für die Allgemeinheit Opfer zu bringen. Schützt Euch selbst, indem Ihr Andere schützt. Verzichtet einfach mal auf Malle, Ibiza, Ischgl und co.

Tragt einen MNS!

Wirklich jeder kann einen MNS tragen. Wir sprechen hier von wenigen Minuten bei Einkauf und Apothekengang und eben im ÖPNV. Natürlich ist das unangenehm. Fragt mich mal, wie angenehm ich es fand, die Dinger stundenlang während Operationen und interventioneller Diagnostik anhaben zu müssen. Jeder wird das überleben. Die Maske zu tragen ist das Mindeste. Zu Eurem eigenen Schutz, zum Schutz der Anderen.

Wer wirklich aus medizinischen oder psychologischen Gründen keine Maske tragen kann, weil er sie nur schwer bis nicht tolerieren kann, dem stehen Ausweichoptionen offen. Stellt Euch nicht dämlich und denkt, ein Attest befreit Euch davor, für adäquaten Ersatz zu sorgen. Dann reagieren wir Anderen nämlich – zu Recht – irgendwann gereizt, denn Ihr gefährdet in dem Moment nicht nur Euch, sondern auch uns.